02. August 2007ILLEGALE EINWANDERERAmerikas ungeliebte DesperadosAus El Paso berichtet Hasnain Kazim Sie werden verfolgt, verhaftet, abgeschoben - aber ohne sie könnte die US-Wirtschaft nicht funktionieren. Mehrere Bundesstaaten planen trotzdem noch schärfere Gesetze gegen illegale Grenzgänger. Ein Besuch bei Einwanderern an der Grenze zu Mexiko. El Paso - Das Familienfoto an der Wohnzimmerwand stammt aus besseren Zeiten. Vor ein paar Wochen noch war die Welt für Veronica Villa, ihren Mann Ricardo und die gemeinsamen acht Kinder in Ordnung. Glücklich blickt die Familie in die Kamera, die kleinen Kinder auf dem Schoß der Eltern, die größeren stehen drum herum. Das Bild hängt in einer Sozialwohnung, im Westen von El Paso, Texas, ein paar hundert Meter Luftlinie von der Grenze zu Mexiko.
US-MEXIKANISCHE GRENZE: SCHUTZWALL IN DER WÜSTE![]() ![]() ![]() Fotostrecke starten: Klicken Sie auf ein Bild (6 Bilder) Jetzt ist Veronicas Mann tot. Gestorben bei einem Autounfall, als er seine Frau im Gefängnis besuchte. Die war Anfang Juli verhaftet worden, als sie versuchte, aus Mexiko ohne Visum in die USA einzureisen. Der Fall sorgte für Schlagzeilen in der Lokalpresse, da der 36-Jährigen die Abschiebung und den Kindern - allesamt in den USA geboren und daher US-Staatsangehörige - die Unterbringung in Pflegefamilien droht. Rund 500 Dollar würde das den US-Steuerzahler pro Kind und Monat kosten, macht 48.000 Dollar im Jahr. "Es wäre billiger, die Mutter im Land zu belassen und ihr Sozialhilfe zu zahlen, damit sie sich um ihre Familie kümmern kann", sagt Schwester Liliane Alam, Leiterin der Hilfsorganisation Las Americas, die sich um illegale Flüchtlinge kümmert. "Wir brauchen die Einwanderer dringend in den USA." "Schickt das Pack nach Hause!" Aber mehrere US-Bundesstaaten planen Gesetze, die gegen illegale Einwanderer gerichtet sind. Arbeitgeber, die Ausländer ohne Aufenthaltsgenehmigung beschäftigen, sollen bestraft werden. In Texas entstehen neue Gefängnisse, eigens für Immigranten ohne Papiere. Seit Mai 2006 wurden schätzungsweise 25.000 illegale Übersiedler in den USA verhaftet - viele von ihnen lebten bisher unbehelligt in dem Land. Menschen wie Veronica Villa haben in dieser politischen Stimmungslage einen schweren Stand. "Schickt das Pack nach Hause!", schreibt ein anonymer Leser in einem Einwanderungsblog über Villa und ihre Familie. "Ihre Kinder werden sich genauso massenhaft vermehren wie sie." Villa hat diese Einträge nicht gelesen, sie hat keinen Internetzugang und spricht nur Spanisch. Drei von vier Menschen der 750.000-Einwohner-Stadt El Paso sind lateinamerikanischer Herkunft. Villa wuchs jenseits des Rio Grande im mexikanischen Juárez auf, in Sichtweite von El Paso. Täglich sah sie das andere Ufer, sah die wohlhabenden Menschen, die aus den USA zu Besuch kamen. Sie heiratete, zur Geburt ihres ersten Kindes ging das Paar vor 16 Jahren kurzfristig nach El Paso. Ihr Sohn wurde damit automatisch Staatsbürger der USA. Vor 13 Jahren zog die Familie dann dauerhaft dorthin. Sieben weitere Kinder wurden in der Stadt geboren. Villas Mann, ein Lkw-Fahrer, bekam eine permanente Aufenthaltsgenehmigung. Er beantragte für sich und seine Frau die "Green Card", eine Vorstufe zur US-Staatsbürgerschaft. Die Behörden schrieben der Familie vor, die USA nicht verlassen zu dürfen, solange der Antrag bearbeitet werde. Das allerdings dauert üblicherweise Jahre. Innerhalb von zwei Wochen Vater und Ehemann verloren Ende Mai starb Villas Vater in Juárez. Das Ausreiseverbot war Veronica Villa in diesem Moment egal, sie machte sich sofort auf den Weg zur Beerdigung. Dass es für solche Fälle Sonderregelungen gibt, für die sie bloß ein Formular ausfüllen muss, wusste sie nicht. Jetzt war sie draußen - und durfte nicht mehr rein. Aber ihre Familie, ihre Kinder in El Paso brauchten sie. Villa versuchte ihr Glück wie Tausende andere Mexikaner: Sie schwamm durch den Rio Grande. Am anderen Ufer griff die US-Grenzpolizei sie auf und brachte sie ins Gefängnis. Villa hat Tränen in den Augen, als sie das erzählt. Wochenlang baten ihre Familie und Las Americas darum, sie freizulassen. Ricardo Villa habe neben seinem Job kaum Zeit, sich auch noch um die acht Kinder zu kümmern. Die Behörden blieben stur. Mitte Juni, seine Frau war da fast zwei Wochen in Haft, hatte er auf der Rückfahrt vom Gefängnis den Autounfall - mit tödlichem Ausgang. Damit erlosch auch der Antrag auf die "Green Card", die er für seine Frau beantragt hatte. "Ich habe innerhalb von zwei Wochen meinen Vater und meinen Mann verloren. Und ich gelte als Illegale in dem Land, in dem ich mich zu Hause fühle. Kann man sich etwas Schlimmeres vorstellen?" 2. Teil: Warum der illegale Einwanderer Eugenio Montes trotz Minilohns gerne in den USA bleiben möchte Der Fall Villa ist nur einer von Tausenden in den USA. Dabei ist die Wirtschaft des Landes auf die Einwanderer - auch die illegalen - angewiesen. In El Paso liegt die Arbeitslosenquote bei rund 5,5 Prozent, USA-weit sogar bei nur 4,5 Prozent im Durchschnitt. Personal bei einer so niedrigen Quote zu finden ist schwierig. Experten sind sich einig, dass das Land die Immigranten als Arbeitskräfte dringend braucht. Die US-Einwanderungspolitik ist schizophren: Ausländer, die illegal die rund 3141 Kilometer lange Grenze im Süden überqueren oder legal ins Land einreisen und nach Auslaufen ihres Visums bleiben, werden in den USA gleichwohl als Arbeitskräfte oder als Unternehmensgründer toleriert - "Hauptsache, sie zahlen Steuern und nehmen keinem Amerikaner den Job weg", sagt Veronica Isabel Dahlberg, eine mexikanischstämmige Mitarbeiterin der Flüchtlingsorganisation Hola in Cleveland, Ohio. "Theoretisch können sie jederzeit verhaftet und aus dem Land geworfen werden. Diese Menschen gelten als Illegale, sind aber gut genug, wenn sie der US-Gesellschaft nützen. Sie bekommen sogar ganz legal eine Steuernummer und dürfen Häuser hier kaufen. Absurd, nicht wahr?" Banken bieten diesen Menschen Kredite an. "Wir fragen nicht nach Ihrer Sozialversicherungsnummer!", werben manche Kreditinstitute - diese Nummer haben nur Ausländer mit legalem Aufenthaltsstatus und US-Staatsbürger. Die Banken wissen: Illegale Einwanderer sind in den meisten Fällen zuverlässige Kunden. Durch die Wüste von Arizona in die USA gewandert Eugenio Montes ist so ein Beispiel. Der 27-Jährige hat sich vor drei Jahren ohne Papiere von Mexiko City nach El Paso durchgeschlagen. "Ich bin durch die Wüste von Arizona gewandert, da erwischt einen nur selten einer, und wenn, ist es der Hitzetod", sagt er. Montes arbeitet jetzt in der Küche eines Steakhouses, filetiert Fleisch, spült Geschirr, bringt den Müll weg - für fünf Dollar die Stunde. Der gesetzliche Mindestlohn in El Paso liegt bei 5,25 Dollar. "Ich glaube nicht, dass ein Amerikaner meinen Job für diesen Lohn machen würde", sagt Montes. Er sei zufrieden mit seiner Situation. Er arbeite viel und verdiene daher genug, um davon leben zu können. "Ab und zu kann ich mir auch ein Bier leisten", sagt er und lacht. Sein Humor ist ihm geblieben. Gerne würde er gegen die US-Politik protestieren, traut sich aber nicht. "Solange ich nicht auffalle, schmeißt mich niemand aus dem Land." Montes denkt sogar darüber nach, ein eigenes Restaurant zu eröffnen. "Am liebsten weiter im Norden, vielleicht in New York oder in Los Angeles." Mit einer Bank hat er schon gesprochen. "Vielleicht klappt es ja, dass ich eine finanzielle Starthilfe bekomme", sagt er. "Ich kenne viele Ausländer, die keine Aufenthaltserlaubnis haben, hier aber trotzdem erfolgreich ein Geschäft betreiben und respektierte Mitglieder der Gesellschaft sind." Für Montes sind das Vorbilder. Harte Haltung macht sich in Wahlkampfzeiten gut Die meisten Immigranten aus Lateinamerika erledigen in den USA aber die einfachen Jobs, solche, die kaum ein US-Staatsbürger machen möchte. "Diese Menschen sind für unsere Gesellschaft extrem wichtig", sagt John Cook, Bürgermeister von El Paso und Nachfahre irischer Einwanderer. "Für mich sind El Paso und Juárez, die Stadt auf der anderen Seite des Rio Grande, eine einheitliche Region. Die Grenze trennt uns nicht, sie verbindet uns." Schließlich würden auch viele US-Unternehmen Werke auf mexikanischer Seite eröffnen. Der Mindestlohn betrage dort 1,20 Dollar. "US-Firmen dürfen zollfrei Produktteile in Mexiko einführen, die dort zusammengesetzt und ebenso zollfrei wieder zurück in die USA geliefert werden. Diese sogenannte Maquila-Industrie ist für amerikanische Unternehmen extrem wichtig", sagt Cook. Auf acht neue Jobs in Mexiko komme ein neuer in den USA. "Und in den USA brauchen wir die Mexikaner auch." Doch eine harte Haltung gegenüber Menschen, die sich illegal im Land aufhalten, macht sich 16 Monate vor der US-Präsidentschaftswahl gut. Erst kürzlich ist im US-Senat ein Gesetz gescheitert, das den schätzungsweise zwölf Millionen illegalen Einwanderern einen rechtmäßigen Aufenthalt in den USA ermöglicht hätte. "Deutschland hat die Berliner Mauer eingerissen, und wir bauen an der Grenze zu Mexiko neue Mauern auf. Das ist schon bemerkenswert", sagt Bürgermeister Cook. Veronica Villa kam auf Druck von Las Americas am Nachmittag der Beerdigung ihres Mannes frei. "Die Beamten haben Herz gezeigt", sagt Schwester Liliane Alam. "Wir hoffen jetzt, dass die Justiz nun zugunsten von Victoria Villa entscheidet." Bis zur Gerichtsentscheidung darf Veronica Villa vorerst zu Hause bleiben, bei ihren Kindern. List of Articles | Home |